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Aktuelles

Im Gespräch mit dem Architekten des Siegburger Rathauses

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10. November Oktober 2021 - Rhein Sieg Forum

Sucht man nach einer aussagekräftigen Dachzeile für das umfangreiche Schaffen des 1933 geborenen Architekten Peter Busmann, dann wird häufig geschrieben: Er baute Orte des Lernens. Zu seinem Frühwerk gehört das Max-Ernst-Gymnasium in Brühl, wo ihn der Kultusminister bei der feierlichen Eröffnung aufgrund seiner Jugend für den Schülersprecher hielt. Später kamen die Kölner Hochschule für Musik und Tanz oder auch die Beueler Gesamtschule hinzu. Und obwohl das 1968 eingeweihte Siegburger Rathaus keine Schule im klassischen Sinne ist, so trafen sich hier zwei Jahrzehnte nach der Stunde Null doch Lernende der Demokratie. Busmann spricht von einer Haltung, die von den Deutschen verlangt worden sei. Die besten Lehrmeister seien die britischen Besatzer gewesen. "Sie haben uns zu Demokraten erzogen." Für den Rathausarchitekten bedeutete Haltung: zurücknehmend, zweckmäßig und transparent bauen, nicht pompös und einschüchternd. Das Objekt sollte zudem die Bedeutung des Rates als Repräsentanz der Bürgerschaft betonen. Der Trakt zum Schützenhaus mit seinen breiten Fensterfronten trug der Aufgabe Rechnung.

Auf Einladung des Geschichtsvereins kam Busmann am Mittwoch in den Konferenzraum 1 des Rhein Sieg Forums, um im Gespräch mit Barbara Guckelsberger, frisch pensionierte Technische Beigeordnete und Vereinsmitglied, auf den Prozess der Rathauswerdung einzugehen. An einem einzigen Tag sei das Konzept fertig gewesen, mit dem sich der nicht einmal 30-Jährige gegen 50 namhafte Teilnehmer im Architektenwettbewerb durchsetzte. Dem Erfolg folgte die Order des feldherrlich auftretenden Stadtdirektors Dr. Kersken: In zwei Jahren ist das hier über die Bühne! Der Generalissimus an der Verwaltungsspitze hatte die Rechnung ohne den Denkmalschutz gemacht. Das Auftauchen der Vogtburgreste im Erdboden legte die Baustelle zwölf Monate lahm. Die Archäologen übernahmen. "Das hat mich gerettet. Ich hatte Zeit, im Detail zu planen." Kersken arbeitete sich derweil an Denkmalpfleger Hugo Borger ab, einer zweiten Ego-Übergröße. Die Beziehung der Männer barg reichlich Konfliktpotential.

Busmann blendete zahlreiche Details ein. Bei der Waschbetonfassade habe er sich gegen die in der Region üblichen Rheinkiesel entscheiden. "Sie waren mir zu dunkel." Er ließ Steinchen aus der Marmormetropole Carrara in Italien liefern, in freundlicherem Weiß. Kopfschüttelnd quittiert er noch heute die nichtexistierende Anteilnahme der Kreativwelt an seinem Projekt. "Künstlerische Impulse waren mir immer wichtig. Sie blieben aus. Ich hatte damals den Eindruck, Siegburg sei eine durch und durch amusische Stadt." Vor diesem Hintergrund wirkte die Aufstellung der "Hänsel und Gretel"-Plastik neben dem Haupteingang wie ein Feigenblatt.

Und dann war da die Sache mit dem Vorplatz, den wir als Nogenter Platz kennen. Der Italienfreund wollte eine Piazza-Piazzetta-Situation schaffen. Der Flaneur sollte vom großen Markplatz, der Piazza, auf den kleinen, aber nicht weniger attraktiven Rathausvorplatz, die Piazzetta, gelangen. Die Bebauung der 1970er-Jahre habe das Entree verengt, seinem Werk die Wirkung genommen. "Hätte ich damals das heutige Standing gehabt, hätte ich rechtliche Schritte eingeleitet. Siegburg war diesbezüglich der Ort meiner größten Frustration."

Bei der aktuellen Grundsanierung und Aufstockung sind neuerliche Enttäuschungen nicht zu erwarten. Der Urheber Busmann begleitet die Arbeiten eng.  

Fotos: Am Vormittag erkundeten die Mitglieder des Geschichtsvereins das neue Rhein Sieg Forum, Hallenchef Frank Baake führte unter anderem zum neuen Innenhof. Nachmittags lauschten und diskutierten die Exkursionsteilnehmer den vortragenden Peter Busmann und Barbara Guckelsberger.

Was vom Dritten Reich übrig blieb

Besuchergruppe am Thingplatz in Herchen
links: Reitermosaik, rechts: buddhistischer Glockenturm

6. Oktober 2021 - Nazistätten in der Region

Ortsmitte Windeck-Herchen. Ein Reisebus hält, entlässt 30 Schirmträger in den Dauerregen. Suchend blickt sich die Gruppe um: Wo ist der Pfad zur Thingstätte? Die Bevölkerung gibt sich verblüfft bis zugeknöpft. "Thingstätte? Nie gehört." Ein Kriegerdenkmal am Ende einer Lichtung am Hang, wirklich nie gehört oder gesehen? "Doch, na klar. Da rein, durch die Büsche, dann sind sie in zwei Minuten da."

Einen 'Lost Place', einen verlassenen Platz, hatte sich der Siegburger Geschichtsverein als Exkursionsziel auserkoren. Die Thingstätte unter Eichen und Ahorn ist ein Relikt der Nazizeit. Seit Jahrzehnten gestaltet sich der Umgang kompliziert. Mal ließ man sie zuwachsen, mal kümmerte man sich um die Pflege - der Pflege des Grüns und der Geschichte.
Schüler führten vor knapp zehn Jahren eine Reinigungsperformance zum Austreiben der bösen Geister durch. Das mediale Echo war beachtlich. Die Message kam nicht bei jedem an. Bisweilen muss der Bonner Staatsschutz in den äußersten Osten des Rhein-Sieg-Kreises ausrücken, weil Unverbesserliche mit kahlgeschorenem Haupt nach historischen Anknüpfungspunkten stochern. Stammgäste sind die Glatzen nicht. Teenager aus dem Dorf kommen rauf, um Erfahrungen mit Hochprozentigem zu sammeln. Siegsteig-Wanderer halten vor der Tafel, die das Werden der Waldbühne erläutern.
Die Initiative für den Bau im Bergischen stammte von Robert Ley, ganz in der Nähe aufgewachsener Hauptorganisator der braunen Truppe und in der Regimerangliste auf Position fünf oder sechs. Das "Thingstätte"-Konzept ersann Chefpropagandist Goebbels. Er verfolgte zwei Ziele. Erstens: das verherrlichende Gedenken an die toten Soldaten des Ersten Weltkrieges. Die Stilisierung des kaiserlichen Kanonenfutters zu Helden sollte die Opferbereitschaft für einen neuen Krieg erhöhen. Zweitens: theatralische Darbietungen zur Festigung der Ideologie. Mimen und Zuschauer, so die Idee, vereinigen sich ekstatisch zu einem großen Ganzen. Herchen blieb zwar nicht von Parteiveranstaltungen jeglicher Art, aber von solch schauerlichen Aufführungen verschont. Überhaupt kam die Thingentwicklung schnell zum Erliegen. Von 400 geplanten Stätten im Reich wurde nur ein Bruchteil fertig. Die Gründe waren vielfältig. Film, Radio und die Massenaufmärsche bei den Reichsparteitagen boten effizientere Möglichkeiten der Beeinflussung. Zudem stockte die Produktion der Stücke. Es gab schlicht zu wenige "Dramatiker" für die hochfliegenden Pläne.

Nach dem Abstieg vom Thingplatz in Windeck-Herchen steuerte man das Buddhistische Zentrum in Waldbröl an. Das Großgebäude war Pflege- und Heilanstalt psychisch Kranker und geistig Behinderter, ehe die Nationalsozialisten ein "Kraft-durch-Freude-Hotel" mit eigener architektonischer Formensprache errichteten. Die 700 Bewohner der Heilanstalt wurden in andere Einrichtungen verfrachtet, fielen später dem Euthanasie-Programm zum Opfer.

Das NS-Ressort sollte luxuriösen Urlaub für alle möglich machen. Im Vordergrund stand nicht die Regeneration, sondern die Indoktrinierung. Metergroße Mosaike zeigen ideologische Idealvorstellungen: muskulöser Mann zähmt Pferd, blondes Bauernpaar beackert Feld - ein Ariernachweis in tausend Steinen, ein zusammengesetztes Bild von "Blut und Boden". Selbst im Krieg durfte an der monumentalen Herberge weitergebaut werden. In Betrieb ging sie nie. Mit einigem Sarkasmus kann man sagen: In der finalen Phase des Weltengemetzels diente das Objekt als Lazarett wirklich der Erholung ...

Seit mehr als einer Dekade halten buddhistische Mönche und Nonnen das Haus in ihrem Besitz. Die Kuttenträger beten und meditieren gegen den Ungeist an, der in den Mauern wohnte. Feinfühlige meinen, es laufe sich jetzt tatsächlich leichter über den toskanischen Marmor. Für die ermordeten Behinderten installierten die neuen Eigentümer einen Wald aus Stoffherzen. Stille und Kontemplation beherrschen die langen Gänge. Gestresste Besucher aus Köln und Bonn reisen zum Wanderwochenende oder zu Achtsamkeitsseminaren an. Gesprochen wird selten, absolute Innerlichkeit ist gefragt. Verkehrssprache der Schwestern und Brüder, so die Schilderung von Phap Xa, einem Niederländer mit ostasiatischer Sozialisierung, sei Vietnamesisch. Mit den Besuchern spreche man selbstverständlich Deutsch.

Vor dem Haus schlägt die Gemeinschaft jeden Morgen die schwere Glocke am 20 Meter hohen Turm, der Stupa. Ein heiliges Ritual, ein buddhistischer Gottesdienst. Die Steine, aus denen der Turm besteht, wurden ebenfalls von den selbsternannten Herrenmenschen hinterlassen. Sie waren herbeischafft, aber nicht mehr verbaut worden.

Wer sich weitergehend informieren möchte, liest den Artikel "Was vom Dritten Reich übrigblieb", geschrieben von Dr. Elisabeth Knauer für die aktuellen Heimatblätter des Geschichtsvereins. Interessenten melden sich bitte unter gav@siegburg.de.

 

Superspreader Luther

Lutherausstellung und Stadtrundgang in Worms.

Bei Luther in Worms am 1. September 2021

Reich ausgestattet mit historischen Identitäten ist Worms am Rhein. Worms ist Nibelungenstadt, Stadt mit uralter jüdischer Tradition und dem weltbekannten jüdischen Friedhof. Schließlich Lutherstadt, Stadt des "Hier stehe ich und kann nicht anders!"

Auf den Spuren des Reformators wandelte der Siegburger Geschichtsverein am Mittwoch, sah ihn in Eisen gegossen im Kreis anderer Glaubenserneuerer, auf pathosgeladenen Gemälden als deutschen Nationalhelden. Sogar in seine übergroßen Schuhe stieg man ein. Eine künstlerisch clevere Idee, die Wirkkraft des bibeltreuen Gewissenstäters darzustellen.

"Gewissen und Konflikt", so heißt die Ausstellung 500 Jahre nach Luthers Auftritt vor dem Reichstag zu Worms. Der Begriff Reichstag ist irreführend. Eher waren es Reichsmonate. Gänse, Rebhühner, Fische, Bier und Wein, alles wird für die hohen Herren besorgt, bis in der weiten Region kein Hühnerbein mehr zu kaufen ist. Außerhalb der Mauern darben die Bauern. In den Mauern schwelgen Adel und Klerus in ausufernder Dekadenz. Für die versammelten Großen des Reichs ist die Sache Luther zunächst ein Randaspekt. Sie wollen den jungen Kaiser Karl V. kennenlernen, ihre Vorrechte fortgeschrieben sehen. Das Volk, erregt und aufgepeitscht durch die Druckerzeugnisse Wittenberger Ursprungs, will ihn sehen, den mutigen Agitator. Die Museumsführerin bringt es auf den Punkt: "Luther ist ein Superspreader." Anhänger und Widersacher streiten nicht nur mit Worten. Beinahe jede Nacht gibt es Tote. Luther kommt, erhält Bedenkzeit, widerruft seine Thesen nicht. Er verteidigt wortstark seinen Standpunkt.

Die Exhibition im Wormser Andreasstift benennt und zeigt Charakterstarke im weiteren Verlauf der Zeit, die als David dem Goliath die Stirn boten. Besonderes Augenmerk liegt auf widerständigen Frauen: von Anne Hutchinsons Kampf gegen die Puritaner Neuenglands über die streitbare Schriftstellerin Olympe de Gouge aus der Französischen Revolution bis zur Liberalen Hildegard Hamm-Brücher, die sich ihrem Gewissen verpflichtet fühlt und gegen den Koalitionswechsel ihrer Fraktion von den Sozial- zu den Christdemokraten im Jahre 1982 stimmt. Am Ende steht ein sorgenvoller Blick in die Zukunft. Ist der in Kirchen aufgestellte Segensautomat "BlessU" der Vorbote einer Ära, in der Maschinen neben funktional-technischen zutiefst menschliche Aufgaben übernehmen? Und weitergefragt: Hat Künstliche Intelligenz ein Gewissen?

Verbrechen auf Jahreshauptversammlung

Jahreshauptversammlung im Museum

Jahreshauptversammlung am 25. August 2021

Urkundenfälschung bei der Jahreshauptversammlung des Geschichts- und Altertumsvereins (GAV) am Mittwochabend im Museum - zum Glück nur vor dem offiziellen Teil, im kriminalhistorischen Vortrag von Hans-Willi Kernenbach. Kernenbach erinnerte an die Merowinger und ihre notorischen Notariatsvergehen. Im Fälschen des Kleingedruckten, das damals noch Kleingeschriebenes war, machte ihnen kaum einer etwas vor. Die wenigen Auserwählten, die Sätze auf Pergament bilden konnten, wussten ihr Herrschaftswissen zu Herrschaftszwecken weidlich auszunutzen.

Der pensionierte Mordermittler Kernenbach durchquerte eiligen Schrittes 2.000 Jahre Strafrechtsgeschichte. Von den Germanen, die am Thing zusammentraten, um politische und juristische Fragen zu klären, über spektakuläre Fälle aus den Siegburger Schöffengerichtsprotokollen des 16. Jahrhunderts ("Vier Wochen vom Tod im Fluss bis zur Leichenschau - da konnte man sehen, was Biologie und Chemie fertigbringen") und weiter zum Foltermord in der JVA 2006. Was als harmloses Fingerklopfen für den Verlierer eines Kartenspiels begann, artete in eine stundenlange Orgie der Gewalt aus.

Friedlich und einvernehmlich verlief die anschließende Sitzung. Neben einer Anpassung der Satzung an die Erfordernisse der Zeit standen Personalentscheidungen an. Erster Vorsitzender ist nach alter Tradition des 1903 gegründeten Vereins immer der Siegburger Bürgermeister, nun folglich Stefan Rosemann. Zur Schriftführerin wurde Susanne LoBartolo gewählt, sie ersetz Harald Uecker, der den Posten mehr als vier Jahrzehnte bekleidete. Zum Co-Kassenprüfer bestimmten die Versammelten Michael Hohn, der das Amt von Helmut Löhr übernimmt. Er überprüft zusammen mit dem wiedergewählten Hans-Joachim Dohm die Finanzen.

Die nächste Exkursion des GAV zur Lutherausstellung nach Worms am Mittwoch nächster Woche ist ausgebucht. Am 6. Oktober geht es weiter mit Besichtigungen ehemaliger NS-Bauten rechts des Rheins. Bei Mitgliedschaftsinteresse bitte eine E-Mail an gav@siegburg.de senden.

Fotos: Hans-Willi Kernenbach, oben rechts, entführte in die Welt des Verbrechens.

Die Schäl Sick vor 2.000 Jahren

Germanenausstellung in Bonn

Germanen-Schau im Bonner LVR-Landesmuseum am 14. Juli 2021

Sie sind doch politisch gefestigt? Überraschende Frage des Guides, der die Gruppe des Siegburger Geschichtsvereins auf der ersten Post-Lockdown-Exkursion im LVR-Landesmuseum in Bonn empfing. Gezeigt wird die Ausstellung "Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme", und weil die Germanen - ein unscharfer Sammelbegriff für die vor 2.000 Jahren lebenden Völker zwischen den Kelten im Westen und den Skythen im Osten - und das angeblich germanische Wesen in der jüngeren deutschen Geschichte als ideologische Kampfbegriffe missbraucht wurden, musste der Museumserklärer seine Zuhörer gleich vorweg von möglicherweise falschen Vorstellungen befreien.

Wir beginnen nicht bei Adam und Eva, setzen ein wenig später ein, bei den Alten Römern. Sie formen den Begriff "Germania", entleihen ihn wohl von Stämmen, die zur Zeit Christi im Gebiet des heutigen Belgien siedeln. Diese frühen Flamen und Wallonen nutzen für jene auf der anderen Seite des Rheins das G-Wort. Wir sehen die Bewohner von Weser und Elbe, Donau und Weichsel durch die Augen der Zivilisierten: Was an schriftlichen Quellen über die Bärenfellträger (planvoll geschneidertes Bärenfell als Winterbekleidung, nicht die primitiven Umhänge, die uns die Filmwelt vorgaukelt) stammt aus römischer Provenienz. Tacitus lässt grüßen.

Der Siegburger Verein erfuhr Erstaunliches. Der Rhein ist kein Eiserner Vorhang. Waren und Personen wechseln fluide hin und her, die Römer importieren Bären, die der Unterhaltungsindustrie dienen, in den Arenen gegen Gladiatoren aufgehetzt wurden. Wenige Jahre nach Ankunft der Legionen ist das östliche Einzugsgebiet des großen Stroms bärenfrei. Die Germanen handeln mit den Römern, an Lebensart übernehmen sie wenig. Ihre Häuser bleiben hölzern, was durch Witterung und Fäulnis einen Neubau in jeder Generation notwendig macht. Sie lehnen Geldwirtschaft ab, in die Münzen der Linksrheinischen bohren sie Löcher, nutzen sie als Halsschmuck. Sie haben Schweine, Ochsen und Schafe, leben mit dem Vieh unter einem Dach. Die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel schöpfen sie restlos aus, kleinste Tierknochen werden zu Werkzeug.

Gerste und Hirse sind die Feldfrüchte, die in einem zwei bis drei Kilometer großen Radius um ihre Dörfer gedeihen. Zumindest im Umkreis der Siedlungen gibt es ihn nicht, den undurchdringlichen Urwald, den Tacitus beschreibt. Eher eine offene Waldlandschaft. Die Vorfahren produzieren Eisen, aber längst nicht in der römischen Quantität. Buntmetall fehlt ihnen ganz. Sie sind in ständiger Bewegung, schon vor der Völkerwanderung mischen sich die Sippen dauerhaft, folgen demjenigen, dem die Götter das größte Kriegsglück verheißen. Ihr Gesellschaftsaufbau gleicht der Organisationsstruktur moderner Unternehmen, ist geprägt von flachen Hierarchien. Natürlich wird auch sie im Landemuseum beschrieben, die legendäre Varusschlacht im Jahre 9 n.Chr. in Kalkriese nahe Osnabrück. Die Germanen kennen die hohle Gasse am Ausläufer des Teutoburger Waldes, durch welche ihre hochaufgerüsteten Feinde kommen. Kommen müssen. Tagelang tobt der asymmetrische Krieg, dann sind die Römer geschlagen. Deren Waffen streicht man ein, die Einzelteile der Besiegten überlässt man den Krähen. Was nicht vergessen werden darf: Zwar finden in Kalkriese bis zu 20.000 Römer den Tod, eine gewaltige Niederlage für die Weltmacht. Aber auch die Verluste auf Seiten der Guerillas sind enorm. Ganzen Landstrichen fehlen in der Folge die jungen Männer.

Foto: Bonn in der Römerzeit. Eine sehenswerte Visualisierung empfängt den Besucher in der Ausstellung

Digitalvortrag zu NS-Medizinverbrechen

Online-Vortrag zu NS-Medizinverbrechen

Online-Vortrag zu NS-Medizinverbrechen am 24. Februar 2021

Die Diagnose: Angeborener Schwachsinn. Die Folge: Unfruchtbarmachung. Wilhelm W. lebt in den 1930er-Jahren in einer Barackensiedlung an der Zeithstraße und schuftet beim Bau der neuen Reichsautobahn Köln-Frankfurt, als seine Intelligenzminderung, damals als Schwachsinn bezeichnet, zu einer Anzeige beim Gesundheitsamt führt. Das Amt leitet den Fall zum Erbgesundheitsgericht in Bonn weiter, welches entscheidet: Wilhelm W. soll keine Kinder zeugen, die deutsche Rasse vor Degeneration geschützt werden.

Medizinverbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus - kein leichtes Thema, das der Geschichts- und Altertumsverein für seinen Onlinevortrag gewählt hatte. Es war die erste Digitalveranstaltung in der seit 1903 währenden Historie des Vereins. Referent Ansgar Klein, der in den letzten drei Jahren Zwangssterilisationen und Euthansiefälle auf dem Gebiet des heutigen Rhein-Sieg-Kreises - früher die Kreise Sieg und Bonn Land - untersuchte, zeichnete den Weg von der Anzeige an den Amtsarzt über den offiziellen Antrag ans Gericht bis hin zum operativen Eingriff in Bonner Krankenhäusern nach.

Die Anzeigen auf Unfruchtbarmachung kamen von Haus-, Gefängnis- und Fürsorgeärzten, von Leitern psychiatrischer Kliniken, den sogenannten Heil- und Pflegestätten, aber auch von Lehrern und Nachbarn. In Siegburg beteiligt waren die Amtsärzte Bange und Witkop, Gefängnisarzt Hohn und Gefängnisdirektor Cremer, nachgewiesen auch die in der Bergstraße praktizierende Kinderärztin Baare. Das Denken, ungesunde Elemente aus dem Volkskörper auszumerzen, hatte massenhaft in den Köpfen eingerastet. Allein 2.400 Anzeigen aus dem rechtsrheinischen Siegkreis sichtete der Historiker Klein. Die Anzeigensteller blieben im Verfahren anonym, der Denunziation war Tür und Tor geöffnet.

Weil nach 1945 das am 1. Juli 1933 verabschiedet "Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses" nicht als rein nationalsozialistisch gewertet wurde (andere Länder wie die Schweiz, Kanada oder einzelne US-Bundesstaaten hatten ähnliche Lenkungsmechanismen der Fortpflanzung festgeschrieben), mussten die Opfer bis 1998 warten, bis sie offiziell als solche anerkannt wurden. Klein streifte den späteren Patientenmord im Rahmen der Aktion T4, in der Behinderte in Mordkammern der "Heilstätten" umgebracht wurden. Er nannte die Namen einiger Siegburger Opfer: Katharina Orth, geborene Lülsdorf, Maria Magdalena Klein oder den Wolsdorfer Heinrich Weber. Im Gegensatz zur Zwangssterilisation, die von breiten Bevölkerungskreisen akzeptiert wurde, stieß die heimlich ausgeübte Tötung, die gegenüber den Hinterbliebenen durch die Angabe falscher Todesursachen verschleiert wurde, auf breite Ablehnung. Die Predigten Kardinal von Galens oder die Opposition des Friedrich von Bodelschwingh in Bethel stoppten die zentral gelenkte Vernichtung. Das Morden ging trotzdem weiter. Im Zuge der sogenannten "Wilden Euthanasie" ließ man die in Psychiatrien Untergebrachten verhungern.

Infos zur Studie: Das Buch "'Euthanasie', Zwangssterilisationen, Humanexperimente. NS-Medizinverbrechen an Rhein und Sieg 1933-45" ist im Böhlau-Verlag erschienen und kann im Buchhandel bestellt werden. ISBN: 973-3-412-52000-7.

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